Neue Bands gibt es so einige in Deutschland, aber die Dirtshakes kann man trotz allem nicht als Newcomer Band sehen. Schliesslich verstecken sich hinter diesem Bandnamen niemand anders als Jenz "Bumper" Stuhldreier (Gitarre, Vox), Surfmaster Öli (Gitarre, Vox), Jörg "Jay Triplechair" Stuhldreier (Bass) und Tough Timo (Drums). Nach einem furiosen Abschiedsfestival in der Sonne zu Rettenbach, auf dem neben den Dirtshakes auch die Backwood Creatures, Curlee Wurlee und Cave 4 auf der Bühne standen, habe ich mich mit den Gebrüdern Stuhldreier, beide gut gelaunt und angetrunken, etwas ausführlicher unterhalten.
Jörg, warum hast du jetzt noch eine neue Band?
Jörg: Warum ich eine neue Band habe? Ich wollte die eigentlich nicht. Wir haben einfach zusammen Musik gemacht und das hat sich dann so ergeben. Jenz, Öli, Timo und ich haben zusammen gespielt, wir kommen alle auf den gleichen Nenner, wir haben uns da nicht so gross abgesprochen.
Und was ist mit dir, Jenz?
Jenz: Andreas Klemt, der für das OX Layout verantwortlich ist, hat einen Dokumentarfilm für seine Diplomarbeit gedreht
namens "Das goldene Seepferdchen" und dieser Film handelt unter Anderem von Joachim, Adolf Abartig, Hedwig Homesick und
mir. Und er sagte: "Hey, es fehlt total, dass Du Musik machst!" Denn ich habe eigentlich immer über das Musik machen
geredet, wie geil es sei, in einer Band zu spielen und ich hatte zu der Zeit aber überhaupt keine Band. Er hatte mich
gegen Ende der Dreharbeiten gefragt, ob ich nicht einmal eine Session organisieren könnte. Darauf hin habe ich eine
Session gemacht, mit Zap von den Radiation Kings und Jörg am Bass. Jörg und ich haben uns jahrelang nicht so gut
verstanden, wie das halt manchmal so ist unter Brüdern, ganz speziell eben.
Ich habe dann ein paar Stücke vorbereitet, wir haben dann zu dritt gespielt und es hat tierisch Spass gemacht, die
Aufnahme ist leider überhaupt nichts geworden, weil der Ton total verzerrt war. Aber da der Zap mit den Radiation Kings
zu tun hat, hat dann eben der Timo mitgemacht. Ich war schon immer ein grosser Freund der Backwood Creatures und hatte
mir schon öfters gedacht, dass wir einmal etwas zusammen machen sollten, da wir beide zwar auch die Ramones mochten,
allerdings auch die New Bomb Turks und da lag es nahe, den Timo als Schlagzeuger mit ins Boot zu holen. Jörg hat noch
Öli mitgebracht, seinen besten Freund, der Soli spielen kann, während ich ein begnadeter Typ bin, der überhaupt keine
Soli spielen kann. Öli ist einfach super, man kann ihm auch eine Melodie vorsummen und er kann die dann spielen.
Jörg: Wir hatten damals eine Abmachung: Jenz besorgt den Schlagzeuger und ich besorge den zweiten Gitarristen.
Welchen Stellenwert haben die Dirtshakes im Vergleich zu eueren anderen Bands?
Jörg: Wir sehen uns als ernste Hobbyband. Da wir auch privat in Solingen, da gibt es ja nicht so viele Leute, zusammen
herumhängen, ist die Band einfach ein Teil unserer Freizeit. Wir sehen uns jeden Tag, Jenz wohnt gegenüber von meinem
Arbeitsplatz, mit Öli wohne ich sowieso zusammen, das ist alles sehr verstrickt und sehr inzestiös, aber das muss man
einfach so sehen. Die Bands hängen dann genauso eng zusammen, wobei die Dirtshakes einfach unsere Hobbyband sind.
Es läuft, wie es bei neuen Bands immer so ist, gut. Ich meine, Cave 4 gibt es jetzt schon neun Jahre, die Backwood
Creatures auch schon fünf oder sechs Jahre, wir haben eben noch die anderen Bands und versuchen das einfach im
Gleichgewicht zu halten.
Jenz: Eifersüchteleien gibt es definitiv, aber das ist ja nicht so schlimm, denn wir haben ganz klar gesagt, dass wir uns nicht schon nach drei Monaten wieder auflösen wollen, es soll nicht so intensiv sein wie die Jet Bumpers oder die Backwood Creatures gedacht waren. Bei den Dirtshakes proben wir einmal pro Woche, und zwar Mittwochs, das heisst wir schaffen es im ganzen Jahr vielleicht 20 mal zu proben. Da gibt es sicher mal Reibereien, aber die Dirtshakes sind ganz klar erst Band Nummer zwei. Das ist aber auch okay für mich und für den Rest glaube ich auch.
Heisst das, dass ihr ein bisschen dieser EA 80 Schiene folgen wollt, lange Jahre zu existieren, aber nicht sehr viel live zu spielen?
Jörg: Nein, wir spielen supergerne live, das unterscheidet uns schon von EA 80. Wir haben schon auf Junggesellenabschieden gespielt, wir habe wirklich Spaß am rocken, ob das im Proberaum ist oder auch vor Leuten, wenn es sich zeitlich irgendwie einrichten lässt, dann spielen wir gerne.
Jenz: Ich sehe auch live spielen als Mittel zum Entstehen von neuen Songs, wir haben heute zum Beispiel zwei Songs gespielt, die wir während der letzten Probe einstudiert haben und die sind definitiv nicht fertig. Aber durch den Adrenalinschub ,den man auf der Bühne hat, werden die fertig. Nach zwei oder drei Gigs haben diese Songs dann ihre Form oder sie funktionieren eben nicht. Aber eine Rock´n´Roll Band, und nichts anderes sind wir, spielt live und funktioniert auch dadurch.
Wie sieht es dann auf mit Studioaufnahmen? Wollt ihr sehr viele Sachen aufnehmen?
Jenz: Überhaupt nicht. Wir sind, was das angeht, ziemlich relaxt. Ich habe zu Daniel von Alien Snatch gesagt, dass es überhaupt nichts macht, wenn die 10inch anfangs nicht so gut läuft, denn uns würde es sicher noch länger geben und dass wir irgendwann einmal auch eine LP machen würden, aber wir werden uns dafür sicher nicht selber in den Arsch treten.
Jörg: Es wachsen Früchte, irgendwann einmal fallen sie und irgendwann einmal erntet man sie. Das hat übrigens Billy Childish mal gesagt.
Jenz: Wir wissen ungefähr, wie eine Band funktioniert, wie man mit Leuten umgehen kann, aber was Platten
veröffentlichen angeht, setzen wir uns selber nicht unter Druck. Ich bin von vornherein der Typ, der keine Platten
braucht, der auf der Bühne viel mehr Spass hat, als im Studio. Aber andererseits, wenn man in Deutschland spielen will
und 70 oder 80 Leute zu den Konzerten locken will, dann muss man eine Platte herausbringen. Das ist für mich immer so
ein Sachzwang.
Jörg ist da das genaue Gegenteil, der hat Spass im Studio, der hat Spass am produzieren. Wir beiden leben auch immer
diesen Konflikt aus, indem der eine sagt "Ich bringe da drei Akkorde mit und eine geile Melodie und ein Song ist
fertig" und der andere lieber arrangiert. Ich glaube, irgendwo dazwischen treffen wir uns und deshalb
funktionieren die
Dirtshakes. Die Stücke sind nämlich immer noch rauh und garagig, allerdings auch schon arrangiert. Ich denke, weder
wenn Jörg das Szepter schwingen würde und seinen Powerpop zu Ende führen würde, mit der dicksten Produktion... das
würde zu genauso wenig führen als wenn ich einen Stereokassettenrecorder in eine Ecke der Proberaums stelle und wir
einen Song aufnehmen würden, den ich am Nachmittag vorher geschrieben habe. Bei den Jet Bumpers ging das öfters so,
wenn wir Stücke für Compilations aufgenommen haben.
Irgendwo zwischen den Rip Offs und Redd Kross sind die Dirtshakes zu Hause.
Jörg: Wobei wir uns auch privat sehr gut auf ein paar Bands einigen können, wir haben schon unsere Lieblingsbands.
Jenz: Unsere Diskussionsband Nummer eins ist Social Distortion, weil ich überhaupt nichts mit diesem Macho Gehabe und dieser unwitzigen Musik anfangen kann, während die anderen Jungs diese Band schon gut finden. Timo und ich sind mehr von der New Bomb Turks Seite, während Öli und Jörg mehr die Social Distortion und Supersuckers Fans sind.
Jörg: Wobei man aber sagen muss, dass wir uns über Mike Ness totlachen und das überhaupt nicht ernst nehmen, das ist eine gute Band mit guten Liedern, nicht mehr.
Ihr beide hattet doch schon einmal eine Band zusammen? Erzählt mal ein bisschen was darüber...
Jenz: Das kann ich ja mal ganz kurz ausführen. Bands hatten wir so Mitte der 80´er schon beide gegründet. Ich hatte
meine Band Tuck, die war nach den Eishockey Laufschienen benannt und natürlich auch nach den gleichnamigen Keksen. Jörg
war schon zwei Jahre älter und hing immer mit seinen Blueskumpels herum, war aber ein bisschen unglücklich, war aber
verliebt in den Blues. Dann durfte ich im Keller zu seinen unbegnadeten Rhythmen den Bass dazu spielen, aber den
12-Takt-Blues bin ich seitdem nicht mehr richtig losgeworden. Von unserem Vater bekamen wir eine Dynachord Anlage, so
eine richtige Headcoats Gesangsanlage und die hatten wir zwei Monate, dann war sie kaputt. Aber richtig kaputt, er hat
20 Jahre darüber gespielt und wir ruinieren das Teil in zwei Monaten.
Jörg schnallte mir den Bass um, den er sich von irgendjemanden ausgeliehen hatte, spielte seine Gitarre über einen
12-Watt Röhrenverstärker und ich durfte ihn dann bei Blues in E begleiten. Wir hatten damals zwar schon eine Faible für
Punk, aber wir hatten überhaupt nicht verstanden, wie die Musik funktionierte. Ich hatte mir diese Dead Kennedys Platte
gekauft, die "In God We Trust Inc." und wir beide gingen davon aus, dass die einfach auf ihre Instrumente
einprügeln und das dann dabei herauskommt. Wir waren der festen Meinung, dass das nicht ernst gemeint war. Wir haben
dann immer irgendwelchen Leuten, die uns besucht haben immer diese Platte vorgespielt mit den Worten "Hört euch
das mal an, das ist einfach unglaublich". Am Ende des Jahres durften wir zum Musikunterricht immer eine Platte
mitnehmen, mein damaliger Musiklehrer war totaler Jazzfan und dann habe ich ihm diese "California über alles"
Jazzversion vorgespielt. Er sass da und swingte herum, bis dieser Hardcore Part anfing und der konnte das nicht
glauben. Wir haben eigentlich immer Rock'n'Roll gemocht, Chuck Berry und so, der Punkkram war mehr so zum provozieren.
Jörg: Ich war aber immer ein grosser Fan von Rhythm´n´Blues, bin ich heute noch. Du hast eine Stunde Band, oder? Ja?
Gut, dann kann ich das erzählen:
Ende der 70'er, Anfang der 80'er war es grosse Mode bei liberalen Musiklehrern, dass man eigene Platten mitnehmen
durfte. Da habe ich also die erste Ideal Platte mitgebracht, die war ja etwas ganz neues, da man sie auf 45 rpm
abspielen musste, obwohl sie 12inch Format hatte. Das habe ich dem Musiklehrer auch gesagt, aber er hat mir das nicht
geglaubt. Also haben wir diese Ideal Platte, auf der "Berlin" mit drauf war auf 33 rpm angehört, beide Seiten.
Jenz: Ich war zwei Jahre jünger, wir hatten eine Referendar, bei dem wir Musiktexte analysieren mussten und zwar
"Luxus" von Ideal und "Ich will Lokomotivführer werden" von Andreas Dorau. Und ich war damals
grosser Ideal Fan. Ideal und Hans-A-Plast. Hans-A-Plast war mein erstes Konzert, am 3.12.1980, das Plakat hängt noch
heute bei meinen Eltern. Jörg und meine Mutter haben mich damals abgeholt und an das Konzert kann ich mich heute noch
erinnern...
Auf jeden Fall war der Musikunterricht sehr geil...
Jörg: Jetzt fehlt nur noch der Kindergarten.
Jenz: Zum Kindergarten fällt mir noch folgendes ein....
(grosses Gelächter)
Jenz: Da wir damals keine echten Instrumente gehabt haben, hat unser Vater für uns eine Holzgitarre gebaut, die gibt es noch auf zehn Sekunden langen Super-8 Filmen zu sehen, die hatten wir nur so zum posen. In unserem Zimmer hing ein riesiger Spiegel, weil das das ehemalige Schlafzimmer unserer Eltern war und ich meine, wir können beide gut posen.
Jörg: Wir haben ja auch mit zehn Jahren angefangen damit, das ist kein Witz. Mein Vater hat mir einen Bass gebaut mit Wäscheleinen als Saiten...aber nun zurück zur Frage. Auf jeden Fall haben wir diese Band gegründet und der Jenz hat Lutz Räuber mitgebracht, weil der eine E-Gitarre hatte. Was er Lutz nicht gefragt hatte war, ob der überhaupt Gitarre spielen konnte. Bei der ersten Probe war Lutz dann auch da, mit seiner Gitarre, aber er gab kleinlaut zu, dass er überhaupt nicht spielen konnte.
Jenz: Daraufhin haben wir die Gitarre auf E gestimmt und Lutz war schon damals totaler Musikfan, heute betreibt er Soundflat Mailorder, er hatte einfach das Feeling für Sound. Und was noch viel wichtiger war, er hatte in einer Tabakdose eine Fuzzbox, die er sich von einem Freund ausgeliehen hatte. Zu der Zeit fuhr er total auf die Fuzztones ab, die damals so langsam im Kommen waren. Der Schlagzeuger, den wir irgendwie aufgetrieben hatten, war Tom Waits Fan. Wir haben damals aber schon den gleichen Scheiss gecovert wie heute auch, Sonics, Ramones...
Jörg: Da gibt es ein Interview bei dem wir nach unseren drei grossen Einflüssen gefragt worden sind... und wir haben
geantwortet "Sonics, Ramones und Stooges" und daran hat sich nicht sehr viel geändert. Wenn ich die alten
Ramones Interviews sehe, das war ungefähr genau so wie bei uns, weil wir auch immer Sachen nachspielen wollten, das
aber nicht auf die Reihe gekriegt haben und deshalb angefangen haben, eigene Stücke zu schreiben.
Mit dieser Band waren wir ziemlich fanatisch, haben auch ein paar gute Gigs gespielt. Die Leute konnten zwar nichts
damit anfangen, aber unsere Gigs waren mehr ein Treffpunkt, als dass die uns als Band ernst genommen haben. So haben
wir dann ein Jahr gespielt und dann haben wir uns aufgelöst. Jenz und ich haben dann ein Projekt gestartet, über das zu
reden allerdings noch mindestens drei Stunden dauern würde...und irgendwann einmal stand die Band "Embryonics" wieder
zur Debatte. Lutz war sofort wieder mit dabei, Jenz auch, dann hat leider der Schlagzeuger dem Gitarristen die Freundin
ausgespannt, also brauchten wir einen neuen Schlagzeuger. Das war Stefan Rath, der Bruder des Schlagzeugers von den
Cellophane Suckers und irgendwie haben sich dann die Dinge daraufhin überschlagen. Wir haben unsere erste Single
aufgenommen, so richtig "old-school", mit selbstkopiertem Cover und alles. Lutz hatte inzwischen seinen Mailorder
gegründet und ein paar Kontakte geknüpft und auf einmal waren wir mit einer Ami-Band auf Tour durch ganz Europa. Das
kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen, wir waren sechs Wochen unterwegs durch Frankreich, Italien, sogar
Griechenland.
Jenz: Die Tour war nicht sehr gut besucht, da sie sehr schlecht promoted worden ist. Danach hat uns die amerikanische Band nach Amerika eingeladen und wir sind dann durch Kalifornien und Las Vegas getourt. Zu der Zeit wurde jede amerikanische Band in Europa gefeiert, aber das lief umgekehrt natürlich genau so und wir haben dann super Kritiken bekommen, weil wir so energetisch waren.
Jörg: Wir waren so wild, das kann man sich kaum mehr vorstellen...
Jenz: Ich habe mir zwei mal den Arm gebrochen.
Jörg: Wir haben einfach alles kaputt geschlagen.
Jenz: Nicht im Sinne von Gewalt, sondern einfach mit unserer Bühnenshow.
Jörg: Zum Beispiel haben wir damals versucht, eine Pyramide zu bauen, wie die Scorpions. Wir haben das bei jeder Show versucht und das hat bei zehn Versuchen vielleicht einmal geklappt.
Jenz: Heutzutage würde ich nicht einmal im Traum daran denken, vom ersten Stock aus in eine Menge zu springen... Wir haben nicht so sehr auf Songwriting geachtet, wir haben eine Menge Krach gemacht, ein paar coole Cover gespielt, aber leider keine eigenen Songs.
Jörg: Wir sind dann '91 oder '92 noch einmal sieben Wochen durch Europa getourt und haben dabei festgestellt, dass der Boden in Neapel auch nicht härter ist als der in Bordeaux.
Jenz: Irgendwann einmal haben wir uns aber total zerstritten, denn wir waren schon irgendwie Monster Magnet Fans,
während Lutz später diesen Subpop Sound überhaupt nicht mehr hören konnte. Allerdings hatten wir diesen langsamen
Drogenrock schon ziemlich gut drauf, wir haben auch immer improvisiert, damit auf der Bühne auch etwas passieren konnte.
Dann haben wir angefangen, ein bisschen mehr Punkrock zu spielen, "I'm Stranded" von den Saints haben wir dann gespielt
und Lutz hat die Angry Samoans mitgebracht. Am Anfang von der Band haben wir Ramones gespielt und am Ende haben wir
aber auch wieder Punkrock gespielt. Aber dann war es mit der Band eben vorbei und Lutz hat dann die Cheeks gegründet
und Powerpop gemacht, Jörg hat bei Cave 4 gespielt und Surf gemacht und ich war damals total auf Punkrock fixiert. Was
mich damals total umgehauen hat, war dieser Crypt Sampler "Feel Lucky Punk?!" da war eine Menge Garage Kram
drauf, den ich vorher auch schon gehört habe, aber auch 77'er Punkrock.
Darauf habe ich die Vageenas gegründet und überhaupt nicht gemerkt, dass die Sängerin nicht singen kann. Aber
wenigstens habe ich dabei Gitarre spielen gelernt und auch alle Stücke geschrieben. Zap, der jetzt bei den Radiation
Kings spielt, war damals Schlagzeuger und Mauro, ein Italiener den wir über die Embryonics kannten war damals auch
gerade nach Solingen gezogen, der Liebe wegen.
Jörg: Das war ja auch das Schöne an den Embryonics, dass wir unglaublich viele Freundschaften geschlossen haben, die bis heute andauern.
Jenz: Mauro schien damals nicht gut genug zu spielen, daher wurde Zap der Schlagzeuger bei den Vageenas. Mit Mauro habe
ich dann eine Session gespielt, zusammen mit Christian, der jetzt auch bei den Radiation Kings spielt, und wir haben
dann die Jet Bumpers gegründet.
Irgendwie hatte ich dann überhaupt keinen Bock mehr auf Vageenas und habe mich stattdessen um die Jet Bumpers
gekümmert. Das haben wir dann auch ein paar Jahre gemacht. Ich wollte einfachen Rock´n´Roll machen, der konnte wirklich
ganz einfach sein, wie "Strophe Refrain Strophe Refrain Gitarrensolo Refrain".
Da musste der Aufbau nicht sehr kreativ sein, worauf die anderen in der Band auf Dauer keine Lust hatten. Obwohl die
Band ziemlich gut lief wurde daraus irgendwann einmal ein Zwang und dann haben wir aufgehört.
Dann hatte ich einige Zeit lang einfach keinen Bock mehr auf Musik machen. Dann kam aber dieser Film, diese Session und
dann sind wir wieder da, wo wir jetzt sind.
Und wie klappt es jetzt mit euch beiden zehn Jahre später?
Jörg: Wir sind Brüder.
Jenz: Aber ich finde das sehr geil, Öli ist der beste Freund von Jörg, der bringt da eine Portion Ruhe mit hinein. Es ist sehr gut, wenn jemand von Außen, der den Konflikt nicht so emotional sieht einfach dazwischen geht.
Kann man die Bands, die ihr gerade habt überhaupt irgendwie voneinander trennen?
Jörg: Da gibt es das Problem, dass wir uns gar nicht als Band sehen. Aber man kann die Sachen schon gut trennen, Cave 4 spielen Garage und Surf, die Backwood Creatures stehen für Pop-Punk und die Dirtshakes stehen eben woanders.
Jenz: Jede Band hat einen, nennen wir ihn kreativen Kopf im Hintergrund. Bei den Backwood Creatures ist das der Nilz, der alle Stücke schreibt, bei den Dirtshakes bin ich das und bei Cave 4 ist es Patricia, wenn ich das von Außen richtig sehe, die die Surf Fahne hochhält und das vor zehn Jahren auch angefangen hat, als sich noch kein Mensch dafür interessiert hat.
Jörg: Dass Cave 4 diesen Sound machen, ist Patricias Verdienst.
Jenz: Es ist auch okay, dass ein Einzelner eine Band prägt. Es gibt nichts Schlimmeres, als zehn Arten von Musik in eine Band pressen zu wollen.
Kommen wir noch mal auf euere 10" zu sprechen. Wie kam es dazu, dass sie auf Alien Snatch veröffentlicht wurde?
Jenz: Ich habe die Kritiken gelesen von Daniels Platten und er hat das an den Platten gut gefunden, was ich auch daran gut gefunden habe. Ich habe zwei Leuten unsere erste Demo-CD geschickt, Tom von Radio Blast und Daniel von Alien Snatch. Da habe ich gemerkt, dass Daniel voll hinter seinen Sachen steht. Es ist wichtig, dass ein Label eine Band total unterstützt, nicht nur dass die Platte veröffentlicht wird und die finanzielle Seite stimmt, sondern auch dass die Band mit dem Label identifiziert wird und auch umgekehrt. Das hatten wir bei Radio Blast am Anfang auch sehr, die Jet Bumpers und die Sonic Dolls waren die Radio Blast Bands.
Das hat uns damals total geholfen, dem Tom natürlich auch. Da Tom sich aber mehr um Schweinerock kümmert, hatte ich da nicht so Lust darauf. Daniel ist auch sehr kritisch, sobald er sagt, dass er die Aufnahmen gut findet, sind wir als Band aus der Verantwortung entlassen. Wie schon gesagt, wir wollen genügend Leute zu unseren Konzerten locken, damit Clubshows gut gefüllt sind, aber Plattenverkäufe interessieren uns nur sekundär.
Wie sieht es aus mit längeren Touren? Wäre das überhaupt möglich?
Jenz: Wir waren letztes Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr getourt. Wir sind alle berufstätig und alle ausser mir haben noch ihre Hauptband. Wir werden wieder zwischen Weihnachten und Neujahr touren. Also es ist begrenzt möglich, wir spielen da wieder sechs oder sieben Shows und ansonsten zwei oder dreimal pro Monat.
Jörg: Wir haben auch einen Booker, damit wir das ein bisschen abstimmen können. Wir haben ihm unsere Termine genannt, an denen wir Zeit hätten. Wir würden auch gerne mehr spielen, aber es lässt sich leider nicht mehr einrichten.
Jenz: Ich finde es auch in Ordnung, dass Timo die Backwood Creatures ganz klar als seine erste Band sieht, obwohl wir dann erst an zweiter Stelle rangieren. Ich finde es aber auch sehr schön, dass wir ,obwohl wir diese Band als Hobby sehen, unserem Booker sagen können, an welchen Terminen wir gerne spielen möchten.
Jörg: Es ist natürlich auch ganz klar, dass wir davon profitieren, in welchen Bands wir gespielt haben. Es wäre ja schade, wenn es so wäre, dass wir das alles lange Zeit machen und es sich nicht wenigstens ein bisschen auszahlen würde.
Jenz: Ich würde das aber nicht ganz so sagen. Wenn wir spielen und es kommen ein paar Leute, dann ist das in Ordnung. Wir schreiben von unseren früheren Bands nichts auf unsere Plakate, wie das andere Bands gerne machen, denn diese Band ist etwas neues und hat mit den früheren nichts zu tun.
Ist es nicht der Fall, dass Leute auf Konzerte kommen und das eine oder andere Jet Bumpers Lied hören möchten?
Jenz: Das ist uns bisher erst einmal passiert, das war in Solingen, einer wollte "I Wanna Be Like Milhouse" hören. Es ist total schwierig, darauf zu reagieren, weil ich finde das Lied super und ich freue mich natürlich auch, dass Leute sich dieses Lied wünschen. Aber ich finde es doof, wenn man mit der neuen Band Lieder von einer alten spielt, denn dann könnte man auch den alten Bandnamen beibehalten können und ein paar neue Stücke schreiben können. Am schönsten würde ich es allerdings finden, wenn man in zehn oder 20 Jahren Stücke von uns auf Compilations wie "Back From The Grave" oder ähnlichem finden würde.
Habt ihr keine Angst vor Abnutzungserscheinungen?
Jörg: Überhaupt nicht. Die Band ist jetzt frisch und neu; dass es aber in zwei oder drei Jahren nicht mehr so sein wird, dass ist auch normal.
Jenz: Die Band wird es nicht ewig geben, aber wir haben inzwischen diese Gelassenheit, zumindest Jörg, Öli und ich, denn wir haben schon ein paar Bands gehabt. Wir haben uns vorgenommen, ein paar Jahre mit dieser Band zu spielen und wir wissen aber auch, dass wir uns früher oder später auseinander entwickeln werden.
Jörg: Im Augenblick ist es so, dass wir uns in allen Belangen einigen können, wobei wir aber nicht alles untereinander absprechen, sondern es passiert einfach.
Jenz: Das ist einfach eine scheiss Band, man spielt ein bisschen, trinkt ein paar Bier, es geht weniger um den Weg, sondern mehr darum, dass man abends spielt und wenn es einmal vorbei sein sollte, dann ist es wieder vorbei.
Vielleicht haben wir dann auch keinen Bock mehr, in einer Band zu spielen, wer weiss? Wieviele Leute gibt es, die über 40 sind und noch Musik machen? Das sind in ganz Deutschland vielleicht 10 Leute und der Punkt scheint ja auch zu kommen, an dem man aufhört. Ich weiss nicht genau, woran das liegt, aber es wäre ja illusorisch zu glauben, dass wir als Band davon verschont bleiben und mit Mitte 60 noch genau so rocken wie heute.
So mit 18 oder 20 hat man seine erste Band, ist voller Euphorie und mit Mitte 20 merkt man am eigenen Freundeskreis, dass nicht mehr sehr viele mit dabei sind. Die anderen finden eine neue Freundin und verlieren schnell das Interesse. Plötzlich ist dann Haftpflicht Versicherung oder Berufsaussichten viel wichtiger.
Jörg: Ich kann mir schon vorstellen, dass ich irgendwann einmal keine Lust mehr auf Musik machen habe.
Jenz: Das kann ich mir nicht sehr gut vorstellen. Aber ich bin klug genug zu wissen, dass dieser Punkt irgendwann einmal erreicht sein wird.
Was ist denn euerer Meinung nach ein gutes Rock'n'Roll Alter?
Jenz: Ein gutes Alter ist so ab ca. 20, wie ich meine. Die Rock´n´Roll Highschool hat man bestanden, dann kann man studieren, hat Studentenstatus, dadurch kann man sich finanziell absichern. Also ich habe 23 Semester studiert, und ich meine, dass ist ein ganz normales Rock'n'Roll Studium. Öli ist glaube ich auch schon im 20. Semester...Du bist Student, hast steuerliche Vorteile, kannst nachts arbeiten und dadurch kannst du eine Band finanzieren, mit Nachtwächterjobs, wie wir das gemacht haben. Also ich bin der Meinung, Studentenalter ist optimal.
Jörg: Rocken kann man zwar immer, aber um das auf einem brauchbaren Niveau halten zu können, muss man eigentlich Student sein. Gerade im Ruhrgebiet gibt es viele Leute, die sehr kritisch damit umgehen, dass man Rock´n´Roll oder Punkrock macht und Student ist, dass das ein Widerspruch sei. Aber diese Leute sollen dann zeigen, wie man das finanzieren soll. Gerade die Ruhrgebiet Bands sind meistens Wochenend-Punks, während die Bands, die bereit sind, auch einmal fünf oder sechs Wochen auf Tour zu gehen keinen normalen Job haben können, den fünf oder sechs Wochen Urlaub bekommt man nunmal nicht.
Was habt ihr jetzt in den letzen 15 Jahren gelernt?
Jenz: Denk einfach nicht so viel darüber nach, was Du machst. Vor 12 Jahren hatte ich viel weniger Selbstbewusstsein und Selbstbewusstsein lässt einem am Besten Musik machen.
Jörg: Du musst einfach an dich selber glauben.
Jenz: Der eine kann das schon mit 18, der andere erst nach Jahren. Man muss einfach eine Technik entwickeln, gerade als Sänger ist das sehr schwierig.
Jörg: Aus diesen ganzen Bands habe ich gelernt, dass das aus dem Bauch heraus kommen muss. Denn wenn etwas beim ersten Mal nicht klappt, dann wird es auch beim 25. Versuch nicht klappen.
Ein passendes Schlusswort. Danke an euch beide und viel Spass noch!
Discographie:
2001 "The Kicks Are Alright" 10" (Alien Snatch Records)